Das taube Tal aus der Geschichte von Hermann Löns liegt zwischen Winkel und Brenneckenbrück, aber wo ganz genau, das kann niemand wirklich sagen. Wir können nur Vermutungen anstellen. Dazu gleich mehr. Erstmal klären wir, warum das Tal taub ist.
Taub meint in diesem Zusammenhang natürlich nicht gehörlos, sondern steht für abgestorben, leer, dürr, wertlos, fruchtlos. Bergleute sprechen von taubem Gestein, wenn es kein nutzbares Mineral enthält. Hühnerhalter kennen taube Eier und auch die taube (eine hohle, leere) Nuss ist als Beschimpfung noch durchaus gebräuchlich.
Aber nun zu Löns' Geschichte:
Die Fahle Heide bei Gifhorn - Winkel
Das Taube Tal
von Hermann Löns
Gar nicht weit vor den grünen Wiesen der Aller liegt unweit des Dorfes Winkel zwischen Gifhorn und Brenneckenbrück ein Tal, das ist taub und tot.
Rundumher hält die Heide den Sand fest, und das Moos bändigt ihn; in dem tauben Tale aber liegt er bloß und lose da oder fliegt, wie der Wind es will.
Mehr als einmal hat der Förster Fuhren dort gepflanzt und Birken; es ist nichts davon übriggeblieben. Sie wuchsen ein Weilchen, hungerten und kümmerten, und dann gingen sie aus, wie ein Licht im Luftzuge.
Denn das Tal ist verflucht für immerdar, weil unschuldiges Blut dort floß. Kein Bauer geht um die Ulenflucht gern hier vorbei; gestorbene Gesichter umschweben den Menschen, der da vorübergeht, sehen ihn mit toten Augen an und verfolgen ihn mit schweren Seufzern.
Leute, die sich Wunder wer weiß wie klug dünken und nur das für wirklich halten, das sie mit Händen fassen können, sagen, die weißen Gesichter seien Nebel und die Seufzer bringe die Ohreule hervor, die in den Fuhren unkt; doch nicht um alles Geld in der Welt würden sie die Zeit zwischen dem einen und dem andern Tage in dem tauben Tale zubringen.
Ein Knecht von weit her, der an Gott und den Teufel nicht glaubte und ein heimlicher Freischütz war, paßte in einer hellen Nacht dort auf einen weißen Rehbock, der da seinen Umgang hatte. Das Tier stand ganz dicht vor ihm und der Mann schoß es zweimal auf das Blatt, ohne daß es umfiel. Als er aber wieder geladen hatte und anlegte, sahen ihn zwei Menschenaugen, die vor seinen eigenen standen, so böse an, daß er keine Kraft mehr in den Armen hatte, sein Gewehr fallen ließ und Hals über Kopf fortlief. Als er am anderen Morgen seine Waffe holen wollte, lag sie da und war mittendurch gebrochen.
Wenn es lange gestürmt und geregnet hat, gibt der Sand im Windschatten der vielen hundert kleinen Hügel, die in dem tauben Tale stehen und wie verwahrloste Grabstätten aussehen, schwarze Scherben von Aschenurnen und zerbröckelte Backsteine frei, auch ist da einmal eine vom Roste zerfressene Speerspitze und ein silberner Armring gefunden worden. Ein Gelehrter, der sich auf solche Dinge verstand, hat deswegen einige der Hügel abgraben lassen, aber lange nichts von Bedeutung gefunden, bis er schließlich auf einen Kranz von Steinen stieß. Voller Eifer grub er drauflos, achtete der Zeit nicht und arbeitete bis in die Nacht hinein. Da hörte er es plötzlich hinter sich jämmerlich husten, und als er sich umsah, stand ein uralter, in Lumpen und Lappen gehüllter Mann hinter ihm und bat ihn um einen Zehrpfennig. Der Forscher warf ihm ein Stück Geld in den Hut, aber der Bettler kam ihm so schmierig vor, daß er ihm die Grabscheitkrücke und nicht die Hand reichte, als er sich mit einem Händedruck bedanken wollte. Das war sein Glück, denn der Bettler war nicht von dieser Welt und seine Finger brannten tief in den Spatenstiel hinein.
Noch vor einigen Jahren hat es sich begeben, daß zwei junge Leute, die nachts durch die Heide gingen und vom Wege abkamen, in das taube Tal gerieten, gerade als die Uhr die zwölfte Stunde wies. Es war Mondschein, und so erkannten sie zu ihrem Schrecken, daß sie an dem Ort waren, vor dem sie in Brenneckenbrück gewarnt waren, und der wie ein verlassener Leichenacker anzusehen war. Als sie so dastanden und nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, kam ein Mann angelaufen, der mit den Händen die Raben abwehrte, die nach seinem Kopfe hackten; er lief quer über die Blöße nach dem kleinen See hin, der hinter den Fuhren liegt, und stürzte sich mit einem lauten Schrei in ihn hinein. Zu gleicher Zeit kam ein lautes Hohngelächter aus der Höhe, ein glühendes Rad flog durch die Luft, kreiste über dem Wasser und zersprang zu lauter blauen Flammen, die um die jungen Leute einen Tanz aufführten, und die sich nicht von der Stelle rühren konnten, soviel Mühe sie sich auch gaben. Erst als die schwarze Stunde vorüber war, bekamen sie wieder Gewalt über ihre Glieder und langten mehr tot als lebendig in Gifhorn an.
In dem tauben Tale hat einst ein Bauernhof gestanden. Als im Dreißigjährigen Kriege die Kaiserlichen in der Gegend raubten und brannten, fanden sie zu dem Hofe, der gut versteckt lag, nicht hin, bis er ihnen von einem Knecht verraten wurde, der dort im Dienst war und von der Haustochter abgewiesen war. Die Soldaten brachten alles um, was auf dem Hofe lebte, pochten ihn aus und steckten ihn an. Als der Knecht aber seinen Lohn haben wollte, lachten sie ihn aus und gaben ihm einen alten Strick. Da seine Meintat sich in der Gegend herumgesprochen hatte, wollte ihn kein Mensch wieder in Dienst nehmen, und so ging er unter die Soldaten. Nach vielen Jahren kam er als Krüppel wieder, bettelte eine Zeitlang in Gifhorn herum, bis sich herausstellte, wer er war, und der Büttel ihn aus dem Tore wies. Da ging er nach dem abgebrannten Hofe und ertränkte sich in dem See, der dicht dabei liegt.
Seitdem liegt der Ort wüst. Der Wind hat den losen Sand über die Stätte geweht und ihn so aufgetürmt, daß er wie lauter Grabhügel aussieht. Rundherum wuchert die Heide, grünen die Wiesen, stehen die Fuhren im dichten Moose. Die Stelle aber, auf der der Hof lag, bleibt taub und tot.
Wer des Abends dort vorübergeht und sieht in die Öde hinein, dem friert das Herz, auch wenn er nicht weiß, was sich dort zugetragen hat.
Das Taube Tal
von Hermann Löns
Gar nicht weit vor den grünen Wiesen der Aller liegt unweit des Dorfes Winkel zwischen Gifhorn und Brenneckenbrück ein Tal, das ist taub und tot.
Rundumher hält die Heide den Sand fest, und das Moos bändigt ihn; in dem tauben Tale aber liegt er bloß und lose da oder fliegt, wie der Wind es will.
Mehr als einmal hat der Förster Fuhren dort gepflanzt und Birken; es ist nichts davon übriggeblieben. Sie wuchsen ein Weilchen, hungerten und kümmerten, und dann gingen sie aus, wie ein Licht im Luftzuge.
Denn das Tal ist verflucht für immerdar, weil unschuldiges Blut dort floß. Kein Bauer geht um die Ulenflucht gern hier vorbei; gestorbene Gesichter umschweben den Menschen, der da vorübergeht, sehen ihn mit toten Augen an und verfolgen ihn mit schweren Seufzern.
Leute, die sich Wunder wer weiß wie klug dünken und nur das für wirklich halten, das sie mit Händen fassen können, sagen, die weißen Gesichter seien Nebel und die Seufzer bringe die Ohreule hervor, die in den Fuhren unkt; doch nicht um alles Geld in der Welt würden sie die Zeit zwischen dem einen und dem andern Tage in dem tauben Tale zubringen.
Ein Knecht von weit her, der an Gott und den Teufel nicht glaubte und ein heimlicher Freischütz war, paßte in einer hellen Nacht dort auf einen weißen Rehbock, der da seinen Umgang hatte. Das Tier stand ganz dicht vor ihm und der Mann schoß es zweimal auf das Blatt, ohne daß es umfiel. Als er aber wieder geladen hatte und anlegte, sahen ihn zwei Menschenaugen, die vor seinen eigenen standen, so böse an, daß er keine Kraft mehr in den Armen hatte, sein Gewehr fallen ließ und Hals über Kopf fortlief. Als er am anderen Morgen seine Waffe holen wollte, lag sie da und war mittendurch gebrochen.
Wenn es lange gestürmt und geregnet hat, gibt der Sand im Windschatten der vielen hundert kleinen Hügel, die in dem tauben Tale stehen und wie verwahrloste Grabstätten aussehen, schwarze Scherben von Aschenurnen und zerbröckelte Backsteine frei, auch ist da einmal eine vom Roste zerfressene Speerspitze und ein silberner Armring gefunden worden. Ein Gelehrter, der sich auf solche Dinge verstand, hat deswegen einige der Hügel abgraben lassen, aber lange nichts von Bedeutung gefunden, bis er schließlich auf einen Kranz von Steinen stieß. Voller Eifer grub er drauflos, achtete der Zeit nicht und arbeitete bis in die Nacht hinein. Da hörte er es plötzlich hinter sich jämmerlich husten, und als er sich umsah, stand ein uralter, in Lumpen und Lappen gehüllter Mann hinter ihm und bat ihn um einen Zehrpfennig. Der Forscher warf ihm ein Stück Geld in den Hut, aber der Bettler kam ihm so schmierig vor, daß er ihm die Grabscheitkrücke und nicht die Hand reichte, als er sich mit einem Händedruck bedanken wollte. Das war sein Glück, denn der Bettler war nicht von dieser Welt und seine Finger brannten tief in den Spatenstiel hinein.
Noch vor einigen Jahren hat es sich begeben, daß zwei junge Leute, die nachts durch die Heide gingen und vom Wege abkamen, in das taube Tal gerieten, gerade als die Uhr die zwölfte Stunde wies. Es war Mondschein, und so erkannten sie zu ihrem Schrecken, daß sie an dem Ort waren, vor dem sie in Brenneckenbrück gewarnt waren, und der wie ein verlassener Leichenacker anzusehen war. Als sie so dastanden und nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, kam ein Mann angelaufen, der mit den Händen die Raben abwehrte, die nach seinem Kopfe hackten; er lief quer über die Blöße nach dem kleinen See hin, der hinter den Fuhren liegt, und stürzte sich mit einem lauten Schrei in ihn hinein. Zu gleicher Zeit kam ein lautes Hohngelächter aus der Höhe, ein glühendes Rad flog durch die Luft, kreiste über dem Wasser und zersprang zu lauter blauen Flammen, die um die jungen Leute einen Tanz aufführten, und die sich nicht von der Stelle rühren konnten, soviel Mühe sie sich auch gaben. Erst als die schwarze Stunde vorüber war, bekamen sie wieder Gewalt über ihre Glieder und langten mehr tot als lebendig in Gifhorn an.
In dem tauben Tale hat einst ein Bauernhof gestanden. Als im Dreißigjährigen Kriege die Kaiserlichen in der Gegend raubten und brannten, fanden sie zu dem Hofe, der gut versteckt lag, nicht hin, bis er ihnen von einem Knecht verraten wurde, der dort im Dienst war und von der Haustochter abgewiesen war. Die Soldaten brachten alles um, was auf dem Hofe lebte, pochten ihn aus und steckten ihn an. Als der Knecht aber seinen Lohn haben wollte, lachten sie ihn aus und gaben ihm einen alten Strick. Da seine Meintat sich in der Gegend herumgesprochen hatte, wollte ihn kein Mensch wieder in Dienst nehmen, und so ging er unter die Soldaten. Nach vielen Jahren kam er als Krüppel wieder, bettelte eine Zeitlang in Gifhorn herum, bis sich herausstellte, wer er war, und der Büttel ihn aus dem Tore wies. Da ging er nach dem abgebrannten Hofe und ertränkte sich in dem See, der dicht dabei liegt.
Seitdem liegt der Ort wüst. Der Wind hat den losen Sand über die Stätte geweht und ihn so aufgetürmt, daß er wie lauter Grabhügel aussieht. Rundherum wuchert die Heide, grünen die Wiesen, stehen die Fuhren im dichten Moose. Die Stelle aber, auf der der Hof lag, bleibt taub und tot.
Wer des Abends dort vorübergeht und sieht in die Öde hinein, dem friert das Herz, auch wenn er nicht weiß, was sich dort zugetragen hat.
Wo liegt das Tal nun genau?
Auf einer alten Karte der Preussischen Landaufnahme, die von 1877 - 1912 stattgefunden hat, ist das fragliche Gebiet zwischen Winkel und Brenneckenbrück abgebildet, so wie es Hermann Löns bei seinen Besuchen in Winkel vorgefunden hat.
Preussische Landaufnahme – Klicken zum Vergrößern
Etwas klarer wird die Situation allerdings auf einer aktuellen topographischen Karte. Hier sehen wir den Verlauf der Aller, die Allerwiesen und die Wald- und Heideflächen zwischen Winkel und Brenneckenbrück, die heute zum Naturschutzgebiet Fahle Heide gehören. Da Löns ja explizit von einem Tal spricht, liegt die Vermutung nahe, dass wir im Bereich der Harzer Berge suchen müssen. (In diesem Zusammenhang eine kleine Warnung: die Heidjer bezeichnen jede 10 Meter-Erhebung als Berg, aber dazu ein anderes Mal mehr.)
Die Fahle Heide – Klicken zum Vergrößern
Im Bereich der Harzer Berge liegen einige sandige Heideflächen und auch kleine Teiche (Schlatte genannt), die den Angaben der Geschichte eine passende Bühne geben könnten. Allerdings ist keine Stelle mehr so wirklich „taub und tot", die gleichzeitig groß genug ist, einen ganzen Hof beherbergt zu haben. Heide, Wollgras, Beerkraut und Gras wachsen überall.
Sandige Heidefläche im Bereich der Harzer BergeHeidelandschaft zwischen Winkel und Brenneckenbrück
Wenn man allerdings auf der topographischen Karte weiter reinzoomt, dann findet sich noch eine interessante Information. 1988 wurde hier nämlich eine mittelalterliche Befestigungsanlage entdeckt – heute dieBorg an der Aller genannt. Zu Löns' Zeiten waren zwar Flurnamen in dem Bereich wie Borgstee und Burgwiese bekannt, aber ob die Existenz der ehemaligen Burg an sich bekannt war, ist unklar. Auf jeden Fall kann natürlich auch diese mittelalterliche Burganlage die Quelle der in Löns' Geschichte genannten Funde („...schwarze Scherben von Aschenurnen und zerbröckelte Backsteine [...], auch ist da einmal eine vom Roste zerfressene Speerspitze und ein silberner Armring gefunden worden.") sein.
Topographische Detailkarte – Klicken zum Vergrößern
Hilfreiche Links
Wer sich selbst mal in alte und neue Karten vertiefen möchte, der kann das kostenlos hier tun:
geolife.de/karte – Hier gibt es zum Beispiel die historischen Karten der Preussischen Landaufnahme
geobasis.niedersachsen.de – Hier gibt es verschiedene Topographische Karten und ergänzende Informationen, unter anderem auch historische topographische Karten
Spukt es da noch?
Wir glauben ja alle nicht mehr wirklich an Geister, oder?
Wenn man aber im Herbst oder Winter dorthin geht, wenn die Landschaft fahl ist, wenn schwere Nebelschwaden von den Allerwiesen herüberdrücken, in der Luft hängen,
wabern und Nebelfinger nach einem greifen, wenn der Abend dämmert und die Stunde der Ulenflucht kommt – dann... kann man vielleicht Heidegeister sehen... oder fühlen.
Wer des Abends dort vorübergeht und sieht in die Öde hinein, dem friert das Herz, auch wenn er nicht weiß, was sich dort zugetragen hat.
– Hermann Löns
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