Kaum ein Gedicht fängt das Gefühl des Frühlings so unmittelbar ein wie der Osterspaziergang aus Goethes Faust. Doktor Faust verlässt sein Studierzimmer und tritt hinaus in eine Welt, die gerade zum Leben erwacht. Was er sieht, ist kein großes Schauspiel, sondern das Einfache: Menschen, die nach einem langen Winter wieder ins Freie strömen, das erste Grün, die Sonne auf den Gesichtern.

Wer an einem Frühlingstag durch die Heide wandert, kennt dieses Gefühl. Die Luft riecht anders, der Boden gibt nach, und plötzlich ist da diese Leichtigkeit, die sich nicht erklären lässt. Goethe hat sie in Worte gefasst — vor über zweihundert Jahren, und doch so gegenwärtig wie eh und je.

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss, in Breit' und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet gross und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.

Der Osterspaziergang ist mehr als ein Gedicht über das Wetter. Er handelt von der Befreiung — aus dem Dunkel der Stuben, aus der Enge des Winters, aus dem Kopf hinaus ins Leben. Faust, der Gelehrte, der in seinen Büchern keinen Sinn mehr findet, entdeckt ihn draußen, unter Menschen, im Einfachsten.

Zum Hintergrund

Der Osterspaziergang stammt aus Goethes Faust I (Szene „Vor dem Tor", Verse 903–940). Faust unternimmt den Spaziergang gemeinsam mit seinem Famulus Wagner am Ostersonntag. Die Verse entstanden um 1800 und gehören zu den bekanntesten Passagen der deutschen Literatur.

Vielleicht ist das die schönste Einladung, die ein Dichter je ausgesprochen hat: Geh hinaus. Sieh dich um. Du brauchst nicht mehr als den Frühling und eine offene Tür.